30.09.2025

Belarus – Weißrussland

Einführung

Es war nur eine kleine Ausfahrt, die Fahrt nach Belarus. Ich hatte mir eine Woche Zeit eingeräumt, das Land zu besuchen. Da bleibt nicht viel für‘s Land selbst, wenn man die An- und Abfahrt mit einbezieht. Doch diese Fahrt hat eine lange Vorgeschichte:

Es begann irgendwann so in den Anfängen der 1970’er Jahre. Klein – George, gerade stolzer Besitzer eines Mofas (wer kennt die Dinger noch?) erfährt mit diesem (Motobecane, glaube ich) die grenzenlose Freiheit und fährt sogar bis in die Niederlande – damals bei uns einfach ‚Holland‘! genannt. Immerhin etwas mehr als 20 km. Zur selben Zeit fällt ihm ein kleines Buch „Reiseziel Lappland“ – ja das war damals politisch völlig unbedenklich – in die Hände. Damit war die Saat ausgelegt; Reisen mit dem Motorrad! Schwerpunkt Europa mit allen faszinierenden Landschaften und Kulturen.

Abschlussplanung

Es folgten viele interessante Motorradreisen quer durch Europa. Im Laufe dieser vielen Reisen reifte dann auch der Entschluss, alle Länder des europäischen Festlandes mit dem Motorrad zu besuchen. Das habe ich bereits vor Corona fast geschafft. Aber eines fehlte lange Zeit: Der Abschluss – das letzte Ziel – es war einfach schwer zu erreichen. Nicht wegen der Motorräder oder der Entfernung, viel mehr wegen der Bürokratie! Es fehlte: Belarus

Ich sah immer mal wieder auf einschlägige Internetseiten, z.B. der des Auswärtigen Amtes (https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/belarus-node/belarussicherheit-201904), um über die Einreisebestimmungen auf dem Laufenden zu sein. Diesen Sommer dann der Durchbruch: Es wird bis Ende des Jahres kein Visum mehr benötigt.

Da Margitta im August zur Einschulung ihres Enkels nach Niedersachsen wollte, stand der Termin auch schnell: Abfahrt 15.08.2025, Zeitraum etwa eine Woche.

Durchführung

15.08.2025: Margitta ist bei ihren Enkeln, meine Zupin Nuda 900 RR ist startklar, das Wetter stimmt auch – also los! Bis hinter Fulda zum Einfahren über Landstraßen, dann auf die AB, durch bis Poznań. Die Hotelsuche gestaltet sich etwas schwieriger als gedacht, Die meisten Hotels sind ausgebucht. Doch irgendwo in zentraler Lage finde ich dann ein Zimmer. Das waren schon mal knapp 800 km, jetzt noch ein kleiner Stadtbummel, Essen und Trinken und dann ab auf die Matratze.

Am nächsten Tag starte ich gegen 9 Uhr. Es geht weiter über die polnische Autobahn bis kurz hinter Warschau. Dann über kleine Landstraße weiter bis Bielsk Podlaski. Die Fahrt verläuft nicht ganz so einfach wie geplant. Es sind einige Baustellen auf dem Weg, Umleitungen sind, zumindest für mich, nicht erkennbar ausgeschildert und sowohl „TomTom“ wie auch „kurviger.de“ finden keine Alternativrouten. So fahre ich einfach drauflos, manchmal verwandelt sich die Straße in einen Feldweg und dann in eine Sandpiste, ich muss auch einige Male wenden, weil es nicht weitergeht. So vergeht die Zeit und es werden am Ende wieder etwa 700 km, die ich heute fahre, teilweise über schwierige Pisten.

Sonntag, 17.08.2025, heute ist es so weit, ich schließe den „Europa-Motorrad-Zyklus“ ab. Die Nuda bringt mich zuverlässig über Bialystok bis an den Grenzübergang „Berestovitsa“. Doch hier gibt es kein Durchkommen – der Grenzübergang ist gesperrt. Vermutlich eine Maßnahme der Polen bzw. der EU im Zuge der Sanktionen gegen Putin – für mich einfach nur ärgerlich. Also weiter, der nächste Grenzübergang ist „Peschatka“. Leider genauso geschlossen wie der zuvor. Sche…. Politik! Nun denn, dann bleibt nur der Grenzübergang Terespol – Brest. Also los. Bis ich in Terespol ankomme, ist es 14 Uhr vorbei. Die Einreise dauert etwa 4,5 Stunden, aber alles recht entspannt, ohne Stress. Ich muss noch eine Kfz-Haftpflichtversicherung abschließen, das geht aber auch schnell und kostet so etwa 1 € / Tag. Im Internet war auch zu lesen, dass man eine belarussische Krankenversicherung abschließen muss, das war aber bei mir nicht der Fall.

Ich habe mir in Brest einige Hotels als POI ins Navi geladen, nicht alle sind dann wirklich zu finden. Aber zumindest das Hotel Bug existiert dort, wo es laut Navi sein sollte, und hat auch noch ein Zimmer frei. Es waren zwar nur knapp 250 km heute, aber mittlerweile ist es früher Abend. Ich gehe noch in die Stadt, etwas essen. Trotz Sprachbarrieren, englisch oder deutsch geht hier eher nicht, bekomme ich eine gute Mahlzeit und das ein oder andere Bier. Zurück im Hotel checke ich die Lage bezüglich Grenzübergängen und Hotels. Außer Terespol sollen alle Grenzübergänge Richtung EU geschlossen sein. Beim Grenzübergang „Latvijas – Baltkrievijas“ (Lettland – Belarus) widersprechen sich die Angaben allerdings. Da aber auch die Hotels größtenteils ausgebucht sind, beschließe ich, zwei Nächte in Brest zu bleiben und hier einfach etwas in der Gegend rumzufahren.

Etwa 20 km hinter Brest verlasse ich die große Ausfallstraße und fahre übers „platte“ Land. Echt schön hier, kleine Straßen, viel grün, immer mal wieder ein kleines Dorf. Es gibt offensichtlich viele Holzhäuser, die meisten sind in einem guten Zustand. Dazu Landwirtschaft, Wälder, Schotterstraßen, alles recht unterhaltsam. Die Leute, denen ich begegne, sind freundlich, allerdings kommt selten ein Gespräch zu Stande, deutsch oder Englisch ist hier eben nicht angesagt. Trotzdem ist alles entspannt und macht Spaß – ich hätte mir mehr Zeit einräumen sollen. So bleibt es bei zwei entspannten Fahrtagen um Brest herum.

Vom Hotel geht es zurück an den Grenzübergang. Ich fahre, wie gewohnt an der langen Auto-/ Busschlange vorbei bis zum 1. Checkpoint. Nach reichlich Wartezeit macht einer der Grenzer mir klar, dass man vor der Ausreise eine Registrierung benötigt. Die gibt es etwa einen km zurück an der Stelle, die ich für einen Busbahnhof gehalten habe. Zurück zur Registrierungsstelle, dort das „Ticket“ gekauft (13,50 Belarus Rubel, das sind ca. 3,50 €). Dann kommt man in die „Waiting-Zone“. Hier erfahre ich dann von anderen Motorradfahrern, dass es bis zu 20 Stunden dauern kann, bis man an den Checkpoint fahren darf. Wann man drankommt, kann man im Internet oder auf einer elektronischen Anzeige in der „Waiting-Zone“ sehen. Dann hat man eine Stunde Zeit, dort einzufahren. Schafft man das nicht, wird man gnadenlos wieder zurück zur Registrierung geschickt.

Bei mir dauert die Wartezeit dann etwa 15 Stunden! Aber den Autofahrern geht es schlechter, die warten bis zu 15 Tage von der Registrierung bis zur Ausreise! Glücklicherweise sind noch einige andere Motorradreisende hier. So schließe ich interessante Bekanntschaften, z.B. mit Susi und Jens (Moto-Hiker – Reisetagebuch von Susi und Jens; empfehlenswert), die gerade aus Kirgistan kommen, Lucas, ein Tscheche, der mit seiner XT 660 in Kasachstan war oder Enrico auf Tenere 700, der ähnlich wie ich kurzentschlossen nach Belarus gereist ist, aber sich deutlich mehr Zeit eingeräumt hat. Als ich zum Checkpoint vorfahren darf, streikt meine Batterie. Zum Glück sind genug Leute hier, eine belarussische Pkw-Fahrerin merkt, dass ich eine Problem habe, ruft ihren Sohn an, der Englisch spricht. Dieser sagt der Mutter, was ich benötige und tatsächlich hat sie ein Starthilfekabel dabei, Damit springt die Nuda dann an und es geht erneut zum 1. Checkpoint – Danke dafür! Dort geht es dann auch schnell weiter. Registrierung und Kfz-Schein werden überprüft und weiter zum nächsten Kontrollpunkt. Natürlich muss ich dort den Motor der Nuda ausmachen, Gepäckkontrolle, und weiter, jetzt schiebenderweise bis zur endgültigen Einreise in Polen. Die Grenzer sind schikanös, allerdings habe ich Glück, mich winken sie eher schnell durch. Aber bei anderen wird jedes Gepäckstück geöffnet, oft müssen sie dann lange in der Kontrollzone stehen, ohne dass sich jemand um sie kümmert – echt schei—!

Ich erreiche gegen 4:15 Uhr, also nach fast genau 20 Stunden nach der „Registrierung“ Terespol (Polen). Hinter dem Grenzübergang erst mal eine Stunde auf dem Gehweg Augenpflege. Dann die Nuda in den Ort schieben, viele Reifendienste und Autowerkstätten, eine gibt mir auch Starthilfe – eine Batterie bekomme ich aber leider nicht. Was soll’s, der Tank ist voll, also erst mal weiter Richtung Heimat. Irgendwo wieder Baustelle ohne weitere Fahrtinfos. Die Straße, die ich dann wähle, geht 5 km weiter in Schotter über und endet dann auf einem großen Bauernhof. Hier gibt es dann mal wieder Starthilfe – die Nuda ist beim Wenden leider ausgegangen. Eine Moto-Werkstatt gibt es dummerweise in der Nähe nicht. Also weiter! Irgendwann sehe ich einen Bosch-Dienst! Nichts wie hin, in der Hoffnung, dass es hier eine Motorradbatterie gibt – gibt’s natürlich nicht. Aber auf Nachfrage zeigt mir der Mechaniker auf seinem Handy die nächste Motorradwerkstatt. Nicht weit von hier. „TIMMotocenter“ in Lodzki. Eine schöne, kleine Motorradwerkstatt mit netten Inhabern. Die können mir endlich eine neue Batterie einbauen. Jetzt geht es deutlich entspannter weiter. Eine Übernachtung noch in Polen, dann gemütlich über Landstraßen bis Görlitz. Hinter Görlitz fahre ich dann auf die AB um zügig nach Hause zu kommen.

Fazit

Wofür das jetzt alles? Ja, das weiß ich auch nicht. War halt so eine Idee! Die ist jetzt umgesetzt. Ich könnte behaupten, das habe ich gemacht, um die vielen Menschen kennenzulernen, die ich dann tatsächlich kennengelernt habe. Oder wegen der überwältigenden Landschaft, die man oft durchfährt. Oder um den Alltagssorgen zu entfliehen, oder … Stimmt aber alles nicht – ich fahre einfach gerne!

Aber natürlich bildet Reisen auch. Und macht tolerant – wenn man erlebt, dass man eigentlich überall „Ausländer“ ist und die Freundlichkeit / Menschlichkeit der Leute, die in diesem unseren Lande oft einen schlechten Ruf haben, erlebt, dann öffnet das den Blick auf die Umwelt und unsere Politiker, Medien und andere „Helden“ ungemein. So bin ich durch die vielen Motorradreisen vielleicht ein wenig schlauer und toleranter geworden. Und eines habe ich, gerade durch die Motorradreisen, gelernt: Man muss den Ballast des Alltags weg- bzw. loslassen, um wirklich Neues erleben zu können.

Dazu kommt noch: Je mehr und je weiter ich fahre, je mehr freue ich mich auf meine Kinder und Freunde zu Hause.

Ein großes Kapitel meiner „Motorrad-Reisen“ ist jetzt abgeschlossen. Wie geht es jetzt mit diesem Thema weiter? Ich weiß es nicht! Die nächste Reise soll wieder nach Indien gehen, dann folgt – hoffentlich – mein großer Traum: eine Motorradreise auf dem eigenen Moto durch Chile, Argentinien, Bolivien und Peru. Danach wird es vielleicht Zeit, noch die Inselstaaten Europas anzufahren. Und hoffentlich noch viel Zeit mit Frau, Kindern, Enkeln, Freunden zu verbringen ….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert